KONNTE ODYSSEUS NACH DEN STERNEN SEGELN?

Eine Computersimulation mit Home Planet

von

Christian Strutz

 

Nehmen wir an, es sei Freitag, der 23. September 800 v.Chr.; Tag der Herbst-Sonnenwende in Ogygia alias Gozo, einer kleinen Insel ganz in der Nähe von Malta. Dort befindet sich im Ramla Bay die 15 Meter tiefe Grotte der Kalypso. Die Sonne ist vor einer halben Stunde untergegangen. Es herrscht Abenddämmerung. Ein trocken-warmer Schirokko bläst aus Südwest. Ein Mann namens Odysseus betritt sein Floß. Er hat es aus 20 trockenen Erlen-, Tannen- und Pappelstämmen wie den flachen Boden eines Frachtschiffes gebaut. Den Rest des Rigs zeigt die Abbildung 1:

Abbildung 1

Eine um das Fahrzeug laufende Borderhöhung aus Weidengeflecht, Mast mit Wanten, Rahbesegelung mit Fall, Brassen und Schoten sowie das Steuerruder.

Homer berichtet:

Dann schickte Kalypso lauwarmen Wind aus der richtigen Richtung. Odysseus freute sich über die günstige Brise und holte das flatternde Segel dicht. Sogleich steuerte er fachmännisch (das Floß). Kein Schlaf zehrte an seinen Lidern. Stets behielt er die "Tauben" (Plejaden) im Auge und den Bootes, der spät untergeht. Die Bärin aber, die man auch "Wagen" nennt - den Orion belauernd dreht sie sich (rückwärts) im Kreise; als einzige nimmt sie nicht Teil an den Bädern im Ozean - dieses Sternbild aber hielt er bei seiner Seefahrt linkerhand. So hatte es ihm die himmlisch hübsche Kalypso befohlen.

Odysseus wendet seinen Blick nach Nordwesten und sieht das Sternbild Bootes mit dem Hauptstern Arcturus untergehen (Abb.2).


Abbildung 2


Abbildung 3

 

 

Im Norden steht zu dieser Zeit die Bärin Ursa Major solide auf ihren Füßen (Abb.3). Sie hat ihren Tiefpunkt erreicht. Zwischen Ost-Nordost und Ost sind soeben die Plejaden aufgegangen (Abb.4).

Abbildung 4

Es handelt sich um den Sternhaufen h Tauri mit seinem Hauptstern Alcyone. Nach den Plejaden richtet Odysseus am Abend seinen Kurs. Er muß sie immer weiter auf der Steuerbordseite lassen, denn er weiß, daß die Plejaden noch nach Osten ausscheren werden.

Der Sternenhimmel um 23 Uhr 30 bestätigt ihm dies (Abb. 5). Zu dieser Zeit steigt das Sternbild des Orion in Ost-Südost auf. In gleicher Richtung, nur höher, befindet sich nun Alcyone. Odysseus konzentriert sich auf den Rat der Kalypso: den Kurs rechts von der Bärin halten und links von Orion und Alcyone.

21 Uhr 30 um 4 Uhr morgens


Abbildung 5


Abbildung 6

Gegen vier Uhr morgens tritt Morgendämmerung ein. Ein spannender Moment: Wenn Odysseus richtig navigiert hat, geht Arcturus (a Bootis) auf der Backbord-Seite der Fahrtrichtung auf. Die Bärin steht jetzt senkrecht Kopf-nach-unten über ihm. Sobald die Sterne nicht mehr zu sehen sind, wird Odysseus sein Rahsegel streichen.

Land als Orientierungshilfe wird er, dem Bericht Homers zufolge, auch in den folgenden sechzehn Tagen nicht zu Gesicht bekommen, denn er befindet sich im westlichen Mittelmeer auf der Überfahrt von Ogygia (f = 35.92° l = 14.48°) nach Ithaka (f = 38.48° l = 20.63°). Die Distanz beträgt 615 km und der zu steuernde Kurs 61° Nord-Ost zu Ost ½ Ost.Unter Segel fährt er mit einer Durchschnitts-geschwindigkeit von 4 km/h.

Könnten wir heute, im Jahr 1999, den selben Anweisungen Kalypsos folgend, die Fahrt des Odysseus nachvollziehen? Die Abbildung 7 zeigt, daß dies nicht möglich ist. Wir haben es bei diesem Horizontbild mit dem selben Ort, der selben Blickrichtung nach Norden, der selben Jahreszeit (23. September) und der selben Uhrzeit (18 Uhr 30) zu tun und trotzdem unterscheiden sich beide Bilder beträchtlich: Der Polarstern befindet sich diesmal am "richtigen" Ort, dem Himmelsnordpol. Aber die Bärin ist noch nicht auf ihre Füße gekommen.

Abbildung 7

Zwischen den Abbildungen 3 und 7 liegen 2 800 Jahre Lunisolar-Präzession unseres am Äquator geschwollenen Erdkreisels: Um der Aufrichtungskraft von Mond und Sonne in Richtung Bahnebene auszuweichen, zeichnet der Nordpol innerhalb von 25 800 Jahren einen Kreis im Uhrzeigersinn, dessen Durchmesser das Doppelte der Erdneigung beträgt. Zwischen 800 v.Chr. und heute hat der Pol einen Winkel von g = (360 / 25 800) . 2 800 = 39° zurückgelegt.

Die Abbildung 8 zeigt, wie sich die Präzession auswirkt: Einzig der Winkel der Erdneigung (Ekliptik; e = 23.45°) bleibt konstant. Mit der Wanderung des Pols wandert auch der Äquator und somit auch die beiden Schnittpunkte zwischen Ekliptik und Äquator, der Herbstpunkt und der Frühlingspunkt mit dem Symbol ¡ , wobei ¡2 den Frühlingspunkt von früher und ¡1 den heutigen darstellt.

Wie kommen wir aber auf derart anmaßend genaue Angaben von Ort, Datum, Zeit und Sternpositionen als wäre Odysseus´ Abfahrt nicht vor 2800 Jahren sondern erst gestern gewesen? Das haben wir der jahrhundertelangen Arbeit der Astronomen und Mathematiker und ihrem Werkzeug - der sphärischen Trigonometrie - zu verdanken. Mit den folgenden Formeln können wir nach nach KERN und RUNG (1997) von den heutigen Koordinaten (d1; a1) eines Gestirns G auf die damaligen Koordinaten (d2; a2) unter Berücksichtigung der Präzession schließen.

 

Abbildung 8

(1) tan G¡1F1 = tan d1 / sin a1 Winkel

(2) ¡2¡1G = G¡1F1 - e Winkel

(3) cos ¡1 G = cos a1 . cos d1 Bogen

(4) cos ¡2 G = cos g . cos ¡1 G + sin g . sin ¡1 G . cos ¡2 ¡1G Bogen

(5) cos G¡2¡1 = (cos ¡1 G - cos g . cos ¡2 G) / (sin g . sin ¡2 G) Winkel

(6) sin d2 = sin ¡2 G . (sin G¡2¡1 - e) Winkel

(7) tan a2 = -tan ¡2 G . (cos G¡2¡1 - e) Winkel .

Für die Sterne Alcyone (d1 = 24.105° a1 = 3 h 47.485 min) und Arcturus (d1 = 19.183° a1 = 14 h 15.662 min ) ergeben sich daraus folgende erstaunlichen Ergebnisse:

Alcyone (h Tauri; Plejaden) d2 = 11.913° a2 = 1 h 11 min Aufgangsrichtung: 75.237° Zeit: 18h36min

Arcturus (a Bootis) d2 = 33.817° a2 = 12 h 6 min Aufgangsrichtung: 46.602° Zeit: 4h 4min.

Ermitteln wir aus beiden Aufgangsrichtungen den Durchschnitt, so ergibt sich als anzusteuernder Kurs 61°, die Richtung zwischen Gozo und Ithaka, die in der Seekarte (Abb.9) eingezeichnet ist.

Die Aufgangszeiten beider Gestirne wurden nach der Formel

(8) cos t = -tan f . tan d2

berechnet. Sie fallen in die nautische Abend- und Morgendämmerung, in der sowohl der Meereshorizont als auch die Sterne sichtbar sind. Laut HAARSTICK (1963) ist dies bei Alcyone und Arcturus nur im September der Fall. So ist die Wahl des fiktiven Datums (23. September) gerechtfertigt. Günstig sind beide Aufgänge als Orientierung auch deshalb, weil das Segel die Sicht auf Sterne in höheren Positionen verdeckt haben muß. Jeder Segler kennt dieses Problem.

Abbildung 9

Winkelgetreue Karte zwischen Sizilien und Griechenland

Das bisher Gesagte legt die Vermutung nahe, daß Odysseus tatsächlich von Gozo in Richtung Ithaka gesegelt haben mag (Homers Schilderung eines heftigen Sturms nach dem Schirokko paßt auch hervorragend ins Bild), wobei nicht einmal die Eigenbewegung der Sterne in die Berechnungen miteinbezogen worden sind. Ich meine aber, ein bißchen Unsicherheit sollte uns bleiben. Sonst müßten wir noch alles, was Homer von sich gegeben hat, für bare Münze halten!

Quellen

AMEIS, K.F. 1872: Homers Odyssee. Für den Schulgebrauch erklärt. Teubner, Leipzig.

HAARSTICK, F. 1963: Astronomische Navigation zur Zeit Homers.

Sterne u. Weltraum 1963 7/8 160-162.

KERN, H. und J. RUNG 1997: Sphärische Trigonometrie. Bayerischer Schulbuch-Verlag München.

MARTIN, C. 1996: Homer: Die Odyssee. Eichhorn, Frankfurt am Main.

WALKER, J. 1997: Home Planet for Windows. Release 3.0. Public Domain.

http://www.fourmilab.ch

 

Der Autor dankt Herrn Dr. Bernd Loibl, Leiter des Planetariums Wolfsburg, herzlich für das Auffinden der Haarstick-Arbeit und die Anregung einen Übungs-Sextanten zu kaufen. So hat er ihn dazu gebracht etwas Astronomie und Navigation zu lernen.

Homeplanet: ein freeware- Programm von J. Walker - Download lohnend aber 8 MB

Dr. Christian Strutz, Steigstr. 26 D-88131 LINDAU
Lindau, Juli 1999
Über Fragen und Kritik freut sich der Autor : email
Strutz_Christian@t-online.de


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