DER LEBENSRETTER UND DAS BRECHUNGSGESETZ
von
Christian Strutz
In seiner einmaligen Art, seinen Studenten physikalische
Vorgänge - so auch das Brechungsgesetz - zu erklären, verwendet
Richard P. FEYNMAN (1992) in seinem Buch 'QED - Die seltsame
Theorie des Lichts und der Materie' folgenden Vergleich (Abb.1 , Comics von Marion Strutz)

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in
der Hütte der Rettungswacht (A) und sehen, wie ein
wunderschönes Mädchen in (B) ertrinkt. Sie wissen, dass Sie an
Land schneller laufen (c1 = 3 m/s) als im Wasser
schwimmen zu können (c2 = 0.7 m/s). So stellt sich
die Frage, an welcher Stelle Sie ins Wasser müssen, um der
Ertrinkenden auf schnellstem Weg zu Hilfe zu eilen. Direkt auf
die Arme zuzulaufen und bei D ins Wasser zu springen, ist nicht
der schnellste Weg. Selbstverständlich können Sie das Problem
unter diesen Umständen nicht erst lange analysieren; aber es
gibt eine Stelle (X), an der Sie mit einem Minimum an Zeit
auskommen: Diese Stelle ist gewissermaßen ein Kompromiß
zwischen dem direkten Weg über D und dem Weg mit dem geringsten
Wasser über C. Und genau diesen Weg über einen Punkt zwischen D
und C, also etwa über X, nimmt das Licht."
Ich will versuchen, diese grandiose Fähigkeit des Lebensretters
und auch der Lichtstrahlen nachzurechnen. Deshalb habe ich auch
gleich einigermaßen realistische Geschwindigkeiten in das Zitat
eingefügt. Um möglichst nahe an der Realität zu bleiben,
verwende ich keinen vorgegebenen Einfallswinkel ? sondern
postiere die Hütte der Rettungswacht im Abstand a = 50m
landeinwärts und berechne im Nachhinein den Einfallswinkel. Der
horizontale Abstand betrage l = 110m. Von der Uferlinie aus
kämpft die Ertrinkende in b = 70m Entfernung um ihr Leben. Nach
Pythagoras beträgt der Abstand zwischen Lebensretter und
Mädchen AB (Luftlinie)
![]()
wobei der Lebensretter schon in D ins Wasser springen müßte.
Der Weg mit dem kürzesten Wasserabschnitt läuft über C und
beträgt:
![]()
Irgendwo zwischen C und D befindet sich die Stelle X mit der
Länge x, an der Mr. Lifeguard intuitiv richtig ins Wasser
springt.
Wieviel Zeit verstreicht, um das Mädchen zu erreichen, wird
durch die Relation Zeit = Weg /
Geschwindigkeit offenbar: auf dem Land, dem
dünneren Medium, ist tL
= AX/c1 und im Wasser
als dem dichteren Medium ist tW
= XB/c2. Dabei
handelt es sich bei den Strecken AX und XB, wie in Abb.1 zu
sehen, um die Hypotenusen der rechtwinkligen Dreiecke 0AX und
XCB, deren Längen das Gesetz des Pythagoras bestimmt.
| (1) |
Da ich - in Einklang mit dem Lebensretter - die
Zeit minimieren will, brauche ich mit (2) die
erste Ableitung, um zu sehen, wie die Steigung dieser Funktion
verläuft.
| (2) |
| Ich sehe, dass | und | jeweils die Verhältnisse zwischen |
den Gegenkatheten und den Hypotenusen sind, so daß ich diese Quotienten durch sin (a) und sin (b) ersetzen kann.
| (2.1) |
|
Mit der Substitution der Streckenverhältnisse durch den Sinus erhalte ich aber nur" Auskunft darüber, wie sich die Winkelfunktionen und Geschwindigkeiten zueinander verhalten. Ein Minimum oder Maximum habe ich dann, wenn die Tangente an die Funktion (1) waagerecht verläuft, also wenn y' = 0 ist. Heraus kommt das Brechungsgesetz, wie es in Formelsammlungen und Physikbüchern zu finden ist:
| (3) |
|
wobei n und n' als Brechzahlen bezeichnet werden. Um sicherzugehen, daß es sich bei (3) wirklich um ein Minimum handelt, betrachte ich in Abb. 2 den Verlauf der Funktion (1) und deren Ableitungen.
Abbildung 2
DIE ZEITFUNKTION DES RETTUNGSWEGES UND IHRE ABLEITUNGEN

In der Tat: an der Stelle der x-Skala, an der sich die Funktion
(1) am tiefsten senkt, durchkreuzt die erste Ableitung die
x-Achse. Der x-Wert beträgt hier ungefähr 95m.Zur Klärung der
Frage, ob es sich um ein Minimum oder Maximum handelt, hätte ich
natürlich auch die zweite Ableitung (4) zu Rate ziehen können.
Da diese die Summe zweier positiver Werte ist, kann ich mit
Sicherheit sagen, daß (4) den Wert von Null übertrifft, dass
also die Zeit bei y´=0 im Minimum steht.
| (4) | ![]() |
Der Verlauf der zweiten Ableitung in Abb.2
bestätigt dies.
Diese Informationen genügen dem Lebensretter. Mir aber genügen
sie nicht, geschweige denn den Lichtstrahlen, die bekanntlich mit
höchster Präzision arbeiten. Wie also komme ich an den genauen
Wert von x heran? Das x aus der Gleichung (2) zu isolieren,
erscheint
unmöglich, wie dies (2.2) verdeutlichen mag:
| (2.2) | ![]() |
Mit konstanter Bosheit erscheint x auf beiden
Seiten der Gleichung. Leider fällt auch der Wendepunkt der
S-förmigen y'-Funktion nicht mit seiner Nullstelle zusammen, so
daß eine weitere Ableitung sinnlos wäre.
Den Ausweg habe ich, glaube ich, mit NEWTONs iterativer Methode
der Nullstellen-Approximation gefunden. Mit der genauen
Schätzung des x-Wertes der Nullstelle der ersten Ableitung, wie
sie in der Abb. 2 deutlich zu sehen ist, hätte ich mein
gesuchtes X , von dem aus nach Abb.1 der Lifeguard schwimmen muß
und sich die Winkel berechnen ließen.
| (5) | ![]() |
Ich brauche also den Quotienten der ersten und
der zweiten Ableitung sowie einen Anfangswert x0 in der Nähe der
Nullstelle. Ich wähle x0 = 95.5 und erhalte schon nach einer (!)
Iteration den ganz genauen Wert von x = 95.22026888m.
Mit diesem Wert komme ich auch auf den Einfallswinkel a und den Brechungswinkel b:
| ° | |
| ° |
Die Wegstrecken in Metern und die unterschiedlichen Gesamtzeiten zeigt die nachfolgende Übersicht.
| Zugang | Land | Wasser | Gesamt | Zeit |
| Luftlinie | 67.8 | 95.0 | 162.8 | 158.3s |
| MinZeit | 107.5 | 71.5 | 179.1 | 138.1s |
| MinWasser | 120.8 | 70.0 | 190.8 | 140.3s |
Wenn also der Lebensretter einen Kurs von 62.3°
ansteuert, nach 179.1m auf die imaginäre Ufermarke von 95.2m
trifft und sich dort ins Wasser wirft, um schwimmend die
Ertrinkende zu erreichen, so schafft er dies in 138.1 Sekunden.
Alle anderen Wege dauern länger.
Quellen
FEYNMAN, R.P. 1972: QED - Die seltsame Theorie des Lichts und der
Materie.
München, Zürich.
KÜHLEIN, T. 1942: Differentialrechnung I. Mentor Repetitorien
Bd. 58. Berlin.
Lindau Bodensee, März 2000
Dr. Christian Strutz, Steigstr. 26, D-88131
Lindau-Bodensee, eMail Strutz_Christian@t-online.de
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